Hamburg demonstriert Vielfalt!

Sexarbeit hier, alternative Lebensentwürfe dort – die zunehmende Feindseligkeit gegenüber allem, was von der bürgerlich-konservativen Norm abweicht, erschreckt mich. Daher unterstütze ich den

Aufruf zur Kundgebung am 24. Januar 2015

des Hamburger Aktionsbündnis Vielfalt statt Einfalt:

„Seit mehreren Monaten erlebt Deutschland eine rückwärtsgewandte Diskussion über Sexualpädagogik sowie den Umgang mit der Vielfalt sexueller Identitäten und Orientierungen im Schulunterricht. Unter dem Motto „Der Regenbogen gehört uns“ rufen die „Besorgten Eltern“ für den 24. Januar 2015 zu einer Demonstration in Hamburg auf. Sie richtet sich unter anderem gegen eine angebliche „Frühsexualisierung von Kindern“ und die „Entmündigung der Eltern“ bei der Sexualaufklärung.

Das Hamburger Aktionsbündnis Vielfalt statt Einfalt ruft für den gleichen Tag zu einer Kundgebung unter dem Motto „Hamburg demonstriert Vielfalt“ auf: Wir wollen damit ein sichtbares Zeichen gegen den drohenden Rollback in Sachen Sexualaufklärung und Lebensformenpluralität setzen.“

Details unter www.vielfalt.hamburg.

Hamburg demonstriert Vielfalt
24. Januar 2015
11 Uhr
Hansaplatz
Hamburg St. Georg

10 Kommentare:

  1. Sofern ich frei bekomme, bin ich dabei 🙂

  2. Ich habe mir mal die „Besorgten Eltern“ im Internet angesehen (hab‘ nämlich auch Kinder, wenn auch schon ziemlich große). Ziemlich übel, was da alles aus einem Gebräu eigener Ängste herauswabert, denn das ist es, was diese Leute umtreibt: Angst vor Fremdem, Angst vor Trieben, Angst vor der eigenen Natur. Und Angst schürt Hass. Wer Angst hat, klammert sich an etwas, das Halt gibt, sei es die Bibel oder ein anderes irgendwie heiliges Buch oder aber das „Gesunde Volksempfinden“. Da weiß man wenigstens, was „dem Herrn ein Greuel ist“ und woran man sich zu halten hat, jawoll!

    Irgendwie schon ziemlich übel, dass vieles, was uns heute als Moral gilt, einstmals als verklemmte Gedanken aus ängstlichen Hirne engstirniger Männer (eher als Frauen) gekrochen ist, sich auf Steintafeln und Schriftrollen breitgemacht und somit verewigt hat.

    Dabei könnte man es ja auch ganz anders sehen (um mal wieder in die Hauptrichtung dieses Blogs einzuschwenken): Ist es nicht gerade ein spezifisches Merkmal des Menschen, seine Sexualität (im Unterschied zu den allermeisten Tieren) von der bloßen Fortpflanzungsfunktion zu lösen? Sich seiner Triebe bewusst zu sein und mit ihnen zu spielen? Freude in der Lust zu suchen? Und weiter: Ist es nicht Merkmal einer höchst komplexen Seele (wer’s nicht metaphysisch mag, kann auch rezeptiv-kognitiv-emotionale Mechanismen dazu sagen), die eigene Geschlechtsidentität nicht an Körpermerkmale zu binden? Und zeugt es nicht von hoher sittlicher Entwicklung, in einer Vielfalt verbindlicher und tragfähiger Beziehungsgeflechte leben zu können? Ich find‘ schon. Das nenn‘ ich dann mal „Krone der Schöpfung“! Amen! Und davor muss man doch keine Angst haben, nicht wahr?

    Das kann man doch auch glatt seinen Kindern vermitteln.

    Das ist so in mir hochgeblubbert, als ich mir die besorgt-elterliche Kleingeisterei ‚reingetan habe. Ich finde meine Gedanken gar nicht weit hergeholt, sondern im Gegenteil, ziemlich naheliegend. Aber irgendwie fühle ich mich mit solcher Denke oft ziemlich alleine- nun gut: Hier im Blog nicht ganz so sehr.

    Auf jeden Fall wünsche ich mir, dass alterative Lebensentwürfe nicht auf ewig alternativ bleiben müssen; sie dürfen gerne mit ins Normale hineinrutschen.

    Grüße vom Freizeit-, Möchtegern- und Schmuddelphilosophen
    Markus

  3. Wenn all diese „besorgten Eltern“ mal ihren Kindern vernünftige Ratschläge mit auf den Lebensweg geben könnten, wenn es um Sexualität und Aufklärung geht, müssten sich die Schulen viel weniger damit befassen. Ich mag hier von Vorurteilen vorgeprägt sein, aber ich möchte fast darum wetten, dass genau die so ein Problem mit der schulischen Aufklärung haben, die selbst das Thema Sexualität und sexuelle Identitäten zu Hause brav totschweigen – über sowas redet man ja nicht.
    Ich bin der Meinung, dass ein wenig Aufklärung und vielleicht ein paar Role Models vielen Jugendlichen helfen könnten, eben nicht in eine halbe Identitätskrise zu fallen, wenn sie merken, dass sie irgendwie etwas anders fühlen als andere. Ist das nicht eigentlich das, was du meinst, Markus? Das ‚Alternative‘ zu akzeptieren und endlich als Normalität anzusehen?
    Und ich stimme dir insofern zu, dass ich keinerlei „Unsittlichkeit“ darin sehe, seine Wünsche zu kommunizieren und auf einvernehmlicher Basis auszuleben. Sei das nun, sich eine Tracht Prügel abzuholen und danach wochenlang ausgeglichen und glücklich zu sein 😉 oder eben, Kleidung zu tragen, die nach gesellschaftlicher Gewohnheit für ein anderes Geschlecht vorgesehen ist. Das tut niemandem weh, aber für viele Menschen ist das anscheinend so wenig nachvollziehbar, dass sie in Panik ausbrechen und verhindern wollen, dass entsprechende Lebensentwürfe für junge Leute überhaupt (und ohne Stigma) sichtbar gemacht werden. Ich habe jetzt mit vielen Worten nicht wirklich viel gesagt, aber das ganze frustriert mich einfach so.

  4. Es ist halt so, dass die ganzen Ängste in den Einzelköpfen stecken; wenn’s viele Köpfe sind, wird daraus eine gesellschaftliche Norm, die dann munter tradiert wird. Wahrscheinlich ist eine gewisse Angst oder ein Unwohlfühlen angesichts neuer, andersartiger, fremder Eindrücke sogar fest in der menschlichen Natur verdrahtet, gewissermaßen der „Ur-Pegida-Mechanismus“. Auf irgendeinem Gebiet sind wir wahrscheinlich alle ein klein wenig Pegida, ich will mich da gar nicht ausnehmen. Die Frage ist natürlich, wie wir damit umgehen, in welchem Maße wir zu Reflektion fähig sind oder eben nicht. Daraus folgt, dass Eltern im Zuge ihres erzieherischen Einwirkens auch ihre Art des Umgangs mit „dem/den Anderen“ an ihre Kinder weitergeben.

    Grundsätzlich sollte der Staat möglichst wenig in die Lebensführung seiner Bürger hineinregieren, diesen Standpunkt der „besorgten Eltern“ kann ich sogar nachvollziehen. Selbst gutgemeinte Maßnahmen wie etwa der einstmals von den Grünen
    geforderte obligatorische Veggie-Day können und sollten nicht per Gesetz „von oben“ verordnet werden. Anders sieht es natürlich im Hinblick auf essentielle Werte wie Toleranz und unbedingte Gleichachtung aller Menschen aus. Dazu gehört m.E. neben so vielem anderen auch die Anerkennung der komplexen menschlichen Sexualität. Das „m.E.“ deutet allerdings schon an, dass ich mir bewusst bin, dass dieser Standpunkt nicht Allgemeingut ist. Ohne fortwährende Diskussion geht’s halt nicht, moralische Werte sind in einem steten Evolutionsprozess begriffen. Für mich ist aber klar, der Staat hat die Aufgabe, diese Werte zu vermitteln, unter anderem durch entsprechenden Sexualkundeunterricht und zur Not auch „von oben“.

    Ich wünsche mir für jed(e) MenschIn, dass sie/er für sich ein Umfeld der Annahme und Wertschätzung finden möge. Wenn’s denn (wenigstens) die eigenen Eltern wären, wäre es ja schon mal ganz gut, noch besser, jedeR könnte sich ohne Angst vor irgendwelchen selbsternannten Moralwächtern auf die Straße trauen und ein wirklich freies und selbstbestimmtes Leben führen.

    Soviel zum Großen und Ganzen, nur fängt die Sache, wie schon oben erwähnt, eben in jedem einzelnen Kopf an und Ängste und Tabus sitzen nun einmal ziemlich fest. Aufklärung und Offenheit sind hier wohl das Mittel der Wahl, dann sickert’s
    vielleicht auch mal in die Köpfe hinein. Wiederum auf unser Lieblingsstudio bezogen: Die bizarre Welt muss sich ja nicht immer gar so düster geben, der „Tag des offenen Studios“ im letzten Jahr war ja schon ein guter Anfang; davon braucht’s noch
    viel mehr, meint der ganz liebe und harmlose Studiobesucher

    Markus

  5. Das Beispiel vom Veggie-Day hilft mir gerade ein bisschen, die Angst vor dem „Aufzwingen von oben“ nachzuvollziehen…Anfangs fand ich die Idee eigentlich ganz gut, allerdings war mir da nicht klar, dass es anscheinend verpflichtend sein sollte (oder doch nicht?). Verpflichtend sehe ich das allerdings schon kritischer (weil Eingriff von oben. Für nen pro-V-day würde sich aber sicher ein guter Mittelweg finden). Was sexuelle Aufklärung betrifft, denke ich dann wiederum, dass eine Pflicht für die Schulen, über verschiedenste Lebensentwürfe zu informieren, eigentlich kein Aufzwingen in dem Sinne ist. Es wird ja niemand gezwungen, einen bestimmten Lebensentwurf zu wählen, nur weil er ihn kennen lernt. Ich denke, dass da die Angst entsprechender Eltern liegt. Wie du schon sagst, eine persönliche Angst, irgendwie auch von dem „Anderen“ (negativ?) betroffen zu sein und dass es den Kindern vielleicht eingeredet werden könnte. Da aber dann blind vor Panik zu werden und eben nicht zu reflektieren (obwohl man intellektuell in der Lage wäre) – dafür habe ich momentan irgendwie recht wenig Verständnis. Angst sollte nicht in Diskriminierung münden. Wie wird eine lesbische Lehrerin wahrgenommen, wenn die Kinder zu Hause mitbekommen, dass ihre Eltern, vielleicht aufgrund einer Angst, homophobe Kommentare von sich geben? Wie der transsexuelle Mitschüler, wenn man zu Hause gelernt hat, dass „die“ einem ihre Lebensweise aufzwingen wollen? Aber du hast Recht, Toleranz und Offenheit vorleben wird wohl die beste Möglichkeit sein, wie jeder Einzelne in der Hinsicht was an seine Mitmenschen weitergeben kann. Danke übrigens für deine inspirierenden Texte 🙂

  6. Der angeblich von den Grünen geforderte obligatorische Veggie-Day ist ein gutes Beispiel dfür „das bißchen Pegida“ in uns – die Geschichte wurde damals nämlich gnadenlos aufgebauscht, genauso wie viele Geschichten vom angeblichen „Untergang des Abendlandes“, auf die sich Pegida beruft, gnadenlos aufgebauscht sind. Oder auch die Geschichten über die vermeintlichen Abgründe des Sexualkundeunterrichts.

    https://www.stefan-niggemeier.de/blog/15982/veggie-day-wie-man-aus-alten-fleischabfaellen-der-bild-zeitung-nachrichten-macht/

    https://www.taz.de/!151427/

    https://erbloggtes.wordpress.com/2014/10/29/sexualkunde-fur-hassprediger-ii/

    Wahrscheinlich hat jeder von uns „sein“ Thema, bei der willenlos bereit ist, alles zu glauben, was man ihm auftischt.

    Gruß,
    Max

  7. Hallo Max,
    in der Tat- meine Formulierung bezüglich des „obligatorischen“ Veggie-Days ist wirklich geradezu Pegida-mäßig verkürzt. Mir sind die Ursprünge der ganzen Angelegenheit durchaus bewusst. Ich habe das Beispiel gebracht, weil es zeigt, wie allergisch „das Volk“ auf wenn auch nur scheinbare Bevormundung reagiert. Es reicht ja schon, dass ein bestimmts Thema überhaupt nur angesprochen wird. Die Bildzeitung (und nicht nur die) kennt ihre Zielgruppe eben gut und weiß, was brave Bürger lesen wollen bzw. sollen. Gerade wenn an Verantwortungsbewusstsein und Gewissen appelliert wird, ist der Spruch von der „Bevormundung durch Gutmenschen“ schnell bei der Hand. Wenn’s an eigene Ressentiments geht, wird eben flugs zur Gegenattacke geblasen.

    Du hast recht, die meisten von uns haben bestimmt ihre Trigger, die den Pegida-Reflex auslösen, der stets mit einem gewissen Tunnelblick und Riesenemotionalisierung einhergeht. Da hinterfragt man dann gar nicht erst, egal, ob’s um Gemüse auf dem Teller oder Sex mit wem auch immer geht. Verarsche und Dummhalte funktionieren desto besser, je mehr sie sich in Grundmechanismen der menschlichen Natur einklinken können.

    Gruß von
    Markus, der auch gerne mal ’nen Veggie-Day einlegt- ganz freiwillig!

  8. Max, vielen Dank für deine Links! Wie gesagt, zum Veggie-Day bin ich unterinformiert, das muss ich zugeben. Habe das am Rande mitbekommen. Ich habe mich niemals dadurch bedroht gefühlt, finde es eigentlich eher ganz gut, wenn sich das Angebot an vegetarischen Gerichten in Mensen etc. etwas ausdifferenzieren würde. Manche bieten da aber schon ganz gute Alternativen an. Dass ein Veggie-Day keine „Bedrohung“ für Fleischfans ist, ist schon klar 😉 Ich seh’s halt kritisch, weil ich umgekehrt einen meat-only day eben auch nicht so gerecht fände 😀 Aber ich schweife gnadenlos ab…
    Persönliche Reizthemen…das kann gut sein. Gerade, weil das so ein menschliches Phänomen ist, ist es ganz gut, mal daran erinnert zu werden, dass man nicht alles einfach so glauben sollte.

  9. Vielen Dank für den souveränen Auftritt bei Maischberger. Das fand ich wirklich imponierend. Schade, daß das vor 20 Jahren nicht möglich war und ich jetzt mit 50 zu alt dafür bin.
    Meine Bewunderung für Sie und Chapeau!
    Machen Sie bite weiter so!

  10. Hallo an Undine und alle BlogleserInnen,

    die Maischberger-Show hat auch mich ziemlich beschäftigt und ich muss einfach noch etwas dazu tippen (schon mal sorry für die Länge).

    Natürlich bringt eine solche Sendung keine Lösungen; es geht vielmehr darum, ein aktuelles Thema pointiert bis plakativ zu präsentieren und bestenfalls unterschiedliche Standpunkte vorzustellen. Dies ist sogar ganz gut gelungen, immerhin wurden die TeilnehmerInnen von Frau Maischberger nicht aufeinander gehetzt und die kleinen Spitzen (in Richtung der beiden Männer in der Runde), die eine taffe Journalistin wohl einfach bringen muss, blieben auch im Rahmen gesitteter Konversation.

    Die jeweils sehr persönlichen Statements der vier Frauen und des Freierkollegen fand ich eindrucksvoll, ganz gleich, welchen Standpunkt in Bezug auf Sexarbeit sie einnehmen. Frau Kramp-Karrenbauer war die innere Bewegtheit in ihrem Eröffnungsstatement deutlich anzumerken. Wenn ich auch mit ihren Zielen nicht übereinstimme- die Ministerpräsidentin einfach als „Hardlinerin“ abstempeln, mag ich einfach nicht, denn sie hat völlig recht, wenn sie von intimsten und innersten Regungen spricht, die nicht kommerzialisiert gehören. Dass dieses m.E. beim Paysex überhaupt nicht passiert, ist eine andere Sache, aber ich stimme jeder Frau zu, die sich dagegen verwahrt.

    Frau Merklinger hat in erschütternder Offenheit klar gemacht, dass Sexarbeit die Seele in der Tat tief verletzen kann- ein notwendiger Kontrapunkt zu der Aussage, Sexwork sei psychisch nicht schädlich, mit der Undine bereits im Vorfeld der Sendung zitiert worden ist. So ganz pauschal und aus dem Zusammenhang gerissen glaubt das sicher kaum jemand. Natürlich ist der Beruf als solcher nicht schädlich (oder nicht stärker risikobehaftet als andere anspruchsvolle Tätigkeiten im menschlichen Miteinander), dass es aber viele Frauen gibt, denen er nicht gut tut und die (wodurch auch immer) sich gezwungen sehen, ihn weiter auszuüben, glaube ich ganz bestimmt und es ist ein Skandal. Diese Frauen verdienen Mitgefühl und jedwede Unterstützung.

    Dass „die andere Seite“, Frauen, die sich bewusst, selbstbestimmt und sogar mit Freude für Sexarbeit entscheiden und wunderbar damit leben, genauso real ist und einfach nicht ignoriert werden kann, dürfte allen klar sein, die Undine gehört haben. Sicherlich- es müssen schon Gegebenheiten in Persönlichkeit, Lebenslauf und Umfeld gut zusammenpassen, aber: Genau das gibt es eben wirklich und auch gar nicht einmal so selten. Wichtig fand ich Undines Forderung nach fundierter Ein- und Ausstiegsberatung sowie Empowerment im Allgemeinen, gerade im Hinblick auf diejenigen Frauen, die nicht scheinbar privilegiert in Sachen Sexarbeit sind. Noch eine kleine Bemerkung aus meiner Freierpraxis: Die Zufriedenheit einer Sexworkerin mit ihrer Tätigkeit hängt nicht unbedingt nur vom erzielten Verdienst ab. Ich habe selbstständig arbeitende Frauen getroffen, deren Tarif bei fünfzig Euro für eine halbe Stunde Dienstleistung liegt, die sich in ausführlichen Gesprächen mit mir genauso über ihren Beruf äußern wie Undine. Ich glaube ihnen und zwar nicht, weil es mir als Freier so gut in den Kram passt, sondern weil diese Frauen lustvoll und engagiert bei der Arbeit sind. Körper lügen einfach nicht immer und soviel Menschenkenntnis reklamiere ich jetzt einfach mal für mich.

    Frau Knobel-Ulrichs investigative Recherchen zu erzwungener Prostitution berühren das Gebiet, was für gewöhnlich kurzerhand mit Sexarbeit gleichgesetzt oder im gleichen Atemzug genannt wird. Was sie ermittelt hat, ist ebenso wahr wie widerwärtig. Wenn auch der Menschenhandel aufgrund des Prostitutionsgesetzes nicht zugenommen hat, er findet statt und das ist schlimm genug. Sicher, hier ist der Staat gefragt einzugreifen, möglicherweise auch effektiver als bisher, und hier findet sich auch das wohl gewichtigste Argument der ProstitutionsgegnerInnen. Ja, angesichts der (realen) Vorstellung von Zwangsprostitution fällt es wirklich schwer, besonnen zu bleiben und sich daran zu erinnern, das Sexarbeit schlicht und einfach ein Beruf und eben nicht mit Menschenhandel gleichzusetzen ist.

    Gut, dass auch ein Freierkollege zu Wort kommen konnte, wenn auch erst reichlich gegen Ende der Sendung. Immerhin, er hat nun wirklich gezeigt, dass Denken und Fühlen bei Männern nicht soweit unten im Körper angesiedelt sind, wie gerne angenommen wird. Ja, Frau Maischberger, eine halbe Stunde mit fünf Minuten Sex und fünfundzwanzig Minuten Reden zu füllen, kriegen auch wir Männer hin. Ich kann es bestätigen.

    Dass ein Unternehmer wie Herr Müller sein Unternehmen in günstiges Licht rücken möchte, ist klar und wird in allen Branchen so gemacht. Ich glaube ihm auch, dass er sich seinem Personal bzw. den Frauen, denen er die Sexwork-Infrastruktur zur Verfügung stellt, gegenüber grundsätzlich fair verhält. Allerdings gibt er selbst zu, nicht so weit über die Lebensumstände der bei ihm arbeitenden Frauen orientiert zu sein, als dass er das Vorhandensein jeglichen Zwangs ausschließen könne. Worin die Qualifikation des besonders geschulten Personals, das sich auch mal um die Frauen kümmere, besteht, hat er nicht verraten und der Hinweis auf den hauseigenen Friseur als Frühwarnsystem gegen Zwangsprostitution streift schon die unfreiwillige Satire. Dass Herrn Müllers Unternehmen auch Gewinn abwerfen sollen, kann man ihm nicht vorwerfen. Ich denke mal, er verhält sich in Sachen Konditionen nicht unanständiger, als es in anderen Branchen gang und gäbe ist.

    Das zum Schluss arg aufs Tempo gedrückt wurde, viel zu viel ungesagt blieb und auch die Forderungen des BESD nur gerade eben hineinpassten, ist halt im Fernsehen so. Das Beste, was diese Sendung bewirken kann, ist wohl ein Verständnis für die vielen Aspekte des Themas. Persönlich Empfundenes steht dabei neben Rationalem, Moralisches neben Politischem. Alles ist wichtig und darf nicht einfach aus der Diskussion ausgeblendet werden.

    Hierzu noch eine ausdrückliche Frage an Undine: Hat es vor- oder hinterher noch weiteren Austausch oder Diskussionen gegeben? Kannst du dazu etwas schreiben?

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