„Frankfurter Erklärung“: Rechte und Respekt für Sexarbeiter/innen!

Aus Anlass der bevorstehenden Bundestagswahl und in Sorge, dass erste Ansätze einer rechtlichen Anerkennung von Prostitution durch die zukünftige Bundesregierung wieder zunichte gemacht werden, appellieren wir an alle Politiker/innen:

Eine Ausgestaltung von Prostitution als legaler Wirtschaftszweig bedarf keiner besonderen polizeilichen Kontrolle und Reglementierung, wie sie von verschiedenen Parteien gegenwärtig wieder gefordert wird. Verschärfte Strafrechtsbestimmungen, Razzien und Kontrollen sowie die Registrierung von Sexarbeiter/innen stehen für eine Reglementierung im Stil vergangener Jahrhunderte, die nicht hinnehmbar ist.

Deshalb fordern wir alle politisch Verantwortlichen auf: Setzen Sie sich gemeinsam mit uns ein für die tatsächliche rechtliche Gleichstellung von Prostitution mit anderen Berufen, für den Erhalt der Vielfalt sexueller Dienstleistungen sowie die gesellschaftliche Wertschätzung von Sexarbeit!

Petition unterzeichnen (auch anonym möglich).


Begründung:

Spätestens seit den Beschlüssen der Innenministerkonferenz von 2010 und der Bundesrats-Entschließung „“Stärkere Reglementierung des Betriebs von Prostitutionsstätten“ vom Februar 2011 findet im öffentlichen Raum eine unglaubliche Stimmungsmache gegen Sexarbeiter/innen in der Prostitution statt. „Armuts-„ und „Zwangsprostitution“, „organisierte Kriminalität“ und „Menschenhandel“ – kein Klischee und kein Vorurteil wird ausgelassen, um unter dem Vorwand des „Schutzes der Prostituierten“ deren Rechte massiv zu beschneiden. Tatort und Talkshows, SPIEGEL und Springer-Presse – alle machen mit, wenn es um die von Alice Schwarzer geforderte „Ächtung“ von Prostitution geht.

Immer mehr nähern wir uns dem Punkt, an dem die mediale Stimmungsmache in den Abbau der Rechte von Sexarbeiter/innen mündet. Den Anfang macht gegenwärtig die in ihren letzten Zügen liegende CDU/CSU/FDP-Bundesregierung, die am 04.06.2013 eine neues Prostitutionsüberwachungsgesetz (Drucksache 17/13706) vorgelegt hat. Unter dem Vorwand, die Unzulänglichkeiten des Prostitutionsgesetzes von 2001 zu beseitigen, geht es in Wirklichkeit um die Abwicklung jeglicher Legalisierung von Prostitution. Die Bundestagsaussprache zu diesem Gesetzentwurf (243. Sitzung, 6. 6.2013) ließ daran keinen Zweifel aufkommen. Die Existenz „selbstbestimmter Sexarbeiterinnen“ wurde dort von Herrn MdB Uhl (CDU), als „Schwachsinn“ bezeichnet, den er sich nicht mehr anhören mag. Entgegen aller wissenschaftlich belegten Tatsachen wird dort erklärt: „Wir müssen diesem verbrecherischen Milieu ein Ende machen. Diese Form der organisierten Kriminalität existiert in Deutschland in einem Ausmaß wie in keinem anderen europäischen Land.“ (243. Sitzung, S. 30800)

Die Realität durchgängig sinkender Kriminalitätszahlen im Rotlichtbereich sowie im Bereich „Menschenhandel“, wissenschaftliche Untersuchungen im Auftrag des BKA, die eine marginale Existenz von so genannter „organisierter Kriminalität“ im Prostitutionsgewerbe belegen, werden ebenso ignoriert wie die Tatsache der Selbstorganisation von Sexarbeiter/innen. Was nicht ins eigene Weltbild passt, wird ausgeblendet um eine Rechtfertigung zu haben, dass man gegen die Betroffenen und über ihre Köpfe hinweg Gesetze beschließt, die nur eins belegen: die völlig abgehobene Parallelwelt, in der die Verfasser derartiger Gesetze offenbar beheimatet sind.

Die Befürworter verschärfter Prostitutionsgesetze glauben, sich auf Vertreter von Polizei und Staatsanwaltschaften stützen zu können. Zu Unrecht. In der 2007 von der Bundesregierung veröffentlichten Evaluation des Prostitutionsgesetzes haben diese Berufsgruppen nachweislich kein Votum für eine zusätzliche „gewerberechtliche Überwachung“ der Prostitution abgegeben. Die Rede von einem angeblich rechts- und regelungsfreien Raum, in dem Prostitution sich zutragen soll, ist eine interessierte Fiktion, die sich schon angesichts des bestehenden engmaschigen straf- und ordnungsrechtlichen Überwachungsinstrumentariums gegenüber Prostitution und ständiger Razzien und „Routinekontrollen“ in heiße Luft auflöst. (vgl. den Brief von Dona Carmen an die Abgeordneten des Bundestages)

Wenn gar nichts mehr hilft, flüchtet man ins so genannte „Dunkelfeld“: Angeblich gibt es Hunderttausende „Zwangsprostituierte“ in Deutschland und Europa. Auch dies ist eine Fiktion. Denn Fakt ist: „Eine konkrete Dunkelfeldstudie wurde jedoch bis heute nicht erstellt“, so die Antwort des Bundesinnenministeriums am 22. 02. 2013 auf eine Anfrage des Abgeordneten Beck (Antwort auf BT-Drucksache 17/12291, S. 3).

Unbestreitbar: Das Prostitutionsgesetz hat nicht alle Fragen gelöst. Unbestreitbar gibt es Regelungsbedarf. Aber es kann nur um eine Regelung auf Augenhöhe – mit und nicht gegen die Betroffenen im Prostitutionsgewerbe gehen.

Sexarbeiter/innen in der Prostitution brauchen keinen Rückschritt in Zeiten rechtlicher Diskriminierung und Kriminalisierung. Sie brauchen keine halbherzige, sondern eine vollständige Legalisierung. Sie brauchen Rechte und die Parteinahme einer aufgeklärten und liberalen Öffentlichkeit, die sich nicht länger ein X für ein U vormachen lässt: „Schutz“ darf nicht gegen „Rechte“ ausgespielt werden, Probleme der Migration nicht auf Kosten der Rechte von Sexarbeiter/innen verhandelt werden.

Die geplanten Verschärfungen der Prostitutionsgesetzgebung zielen auf eine schrittweise Abschaffung von Prostitution. Sie nehmen Züge eines religiös motivierten Kreuzzugs an, wenn ein CDU-Vertreter im Bundestag dabei mit dem Begründer der Heilsarmee bekennt: „…solange es eine Seele gibt, in der das Licht Gottes noch nicht scheint – will ich kämpfen“. (243. Sitzung Bundestag, 6. 6. 2013, S. 30803)

Lassen Sie uns mit diesen fundamentalistischen Gotteskriegern nicht alleine! Unterstützen Sie die „Frankfurter Erklärung“ mit Ihrer Unterschrift!

Im Namen aller Unterzeichner.

Frankfurt, 24.05.2013 (aktiv bis 23.07.2013)

Petition unterzeichnen

24 Kommentare:

  1. Dass ein Verbot einer Sache ihre Ausübung nicht verhindert, wird allein anhand des Handels mit illegalen Drogen veranschaulicht. Das bedeutet zum einen, dass es vermutlich auch dann noch Prostitution geben wird, wenn sie offiziell verboten und „geächtet“ ist. Zum anderen bedeutet das, dass auch der Menschenhandel, um den es angeblich eigentlich geht, davon genau so wenig ein Ende finden wird. In Teilen der USA ist Prostitution verboten und wird bestraft. Es gibt sie trotzdem – sowohl mit als auch ohne Zwang.
    Ich finde das Argument, dass das Unterstützen der Selbstbestimmung von Sexarbeiter/innen und die öffentliche Akzeptanz dieses Berufes den Damen und Herren mehr hilft als Willkür, Schikane und übertriebene Kontrolle, schlüssig. Wenn es stimmt, dass die Anzeigen bezüglich erzwungener Prostitution zu zwei Dritteln von Betroffenen selbst stammen, sehe ich keinerlei Erfolg des Überwachungssystems.

    Ich frage mich, welches Interesse wirklich dahinter steht, Sexarbeit zu ächten oder zu verbieten, denn das, der Zwangsprostitution ein Ende zu machen, kann es ja wegen bekannter Ineffektivität von Verboten nicht sein. Geht es hier nur darum, vor den über die statistischen Gegebenheiten nicht aufgeklärten Wählern als Held/in dazustehen, der/die die schlimme Prostitution bezwungen hat?

  2. Mist, Kommentar an falscher Stelle gepostet. Natürlich habe ich gezeichnet. Man muss ja weder Kunde noch SexworkerIn sein um diesem Zustand massiv problematisch zu finden.

    • Dem kann ich nur zustimmen. Im Prinzip geht es alle etwas an, wenn Gesetzesentwürfe gemacht werden, die über kurz oder lang den Weg für (behördliche) Willkür ebnen. Wenn demnächst Sexworker/innen ihre Betriebe schließen müssen, weil sie irgendwelchen Auflagen nicht genügen oder weil sie noch stärker überwacht werden als ohnehin schon, ist die Frage, wen es als nächstes trifft. Da die Aufklärung von Menschenhandelsverbrechen ja nachweislich kein schlüssiges Argument ist, bleibt ja nur noch die schwache Rechtfertigung durch die „Moral“ – aber wer bestimmt, was moralisch vertretbar ist? Sind dann als nächstes die Sexshops mit der Rechtfertigung „Jugendschutz“ dran oder weil irgendein Beamter ‚vermutet‘, dass dort auch Prostitution stattfinden könnte? Und danach? Sind es dann andere Gruppen, die irgendwie nicht in das moralische Bild von irgendwelchen Politikern oder Interessengruppen passen? Vielleicht male ich auch zu schwarz, aber ich finde es äußerst bedenklich, dass trotz einer Fülle von überzeugenden Gegenargumenten die entsprechenden Gesetzesentwürfe noch nicht verworfen wurden.

  3. Allein die Vorstellung, dass Menschen ihre Sexualität wirklich frei ausleben, gilt eben in unserer Gesellschaft als unanständig. So etwas macht man doch nicht! Höchstens auf Reality TV-konforme Weise, damit die brave Mehrheit sich am heimischen Bildschirm hübsch lustvoll entrüsten kann. Eigentlich paradox: Sex muss als unanständig präsentiert werden, damit er guten Gewissens konsumiert werden kann. Man gönnt sich etwas, denn schließlich sind wir doch eigentlich alle ganz anständige Leute, nicht wahr? Aber einen normalen Job daraus machen, den Menschen all das verschaffen, was sie sich insgeheim wünschen? Sex aus der Schmuddelecke holen und als allgemeines Grundbedürfnis anerkennen? Nein, das geht gar nicht. Würde man dies nämlich akzeptieren, müsste man sich ja plötzlich zum eigenen Triebleben bekennen. Selbstbestimmte SexarbeiterInnen halten der sauberen Mehrheit nämlich einen Spiegel vor, in welchem die verlogene Sexualmoral offenbar wird. Da sich vor allem Politiker mit solcher Selbsterkenntnis zumeist schwer tun, gibt es von links bis rechts eine bunte Vielfalt höchst vernünftiger Argumente, warum Sexarbeit letztlich kaputtreguliert werden müsse. Wenn es um das saubere Selbstbild geht, helfen eben auch keine noch so stichhaltigen Gegenargumente. Es bleibt nur zu hoffen, dass es auch unter unseren gewählten Gesetzgebern Menschen gibt, denen Integrität mehr gilt als Scheinmoral und die bereit sind, entsprechend zu handeln.

  4. Danke Markus, jetzt sehe ich erst das Problem, das vielleicht viele Politiker mit einer liberaleren Gesetzgebung haben könnten! Klar, wer sich bei dem Thema weltoffen zeigt, der hat doch ‚bestimmt selbst was zu verbergen‘. Der gilt dann als unmoralisch, braucht auf eine Wahl gar nicht zu hoffen und kriegt vermutlich auch noch Stress mit der eigenen Ehefrau. Wohingegen er als Held gefeiert wird, wenn er ‚dafür sorgt, dass die böse Prostitution endlich ein Ende hat’…

    • Genau das hat uns ein (männlicher) Abgeordneter kürzlich fast wörtlich bestätigt. Wer sich zu offensiv pro Prostitution ausspricht, dem werden ganz schnell persönliche Motive unterstellt.

      • So ist es wahrscheinlich besser, sich an weibliche Abgeordnete zu wenden. Und ist nicht die Liberalisierung vor vielen Jahren auf die Initiative von Frauen ausgegangen?

      • Wie sieht das denn bei weiblichen Abgeordneten aus? Müssten die nicht zumindest frei von dem „Verdacht“ sein, selbst zu einer Prostituierten zu gehen – oder wird dort dann gleich eigene Sexarbeit vermutet? Aber ob nun weibliche Politiker wesentlich positiver eingestellt sind, wage ich zu bezweifeln. Da würde man ja den eigenen Ehemännern Tür und Tor öffnen oder die Unterdrückung der Frau fördern oder oder oder… Es ist doch ein Teufelskreis!

    • Deshalb glaube ich auch, dass auf zwei Ebenen argumentiert werden muss: Zum einen müssen belastbare Fakten über die Realität der Sexarbeit gesammelt und vor allem unverfälscht an die Öffentlichkeit gebracht werden. Authentische Selbstzeugnisse von SexworkerInnen aller Sparten sind sicherlich auch hilfreich. Wichtig ist aber, dass all dies in nüchternem Rahmen präsentierst wird- ohne mit Schmuddelkram und Sünde zu kokettieren, so dass klar wird: In unserer Gesellschaft kann ausnahmslos jedes menschliche Bedürfnis auch im Rahmen einer einvernehmlich geregelten kommerziellen Beziehung befriedigt werden- und das ist völlig legitim.

      Zum anderen brauchen wir aber dringend einen Bewusstseinswandel, der die Sexualität an sich aus der Sündenecke der Moralvorstellungen herausholt. (Das wird aber dauern und hilft im Augenblick leider gar nichts.) Sicherlich hat Sexualität auch problematische Aspekte- aber das hat sie mit jeder Lebensäußerung, jeder Form menschlichen Handelns gemeinsam. Folglich birgt auch Sexarbeit nicht mehr Risiken für das allgemeine Wohlergehen als irgendein anderes Gewerbe. Im Gegenzug bin ich mir sicher, aus dem Stehgreif oder mit nur wenig Nachdenken schwerwiegende Argumente gegen die Ausübung beliebiger anderer Tätigkeiten finden zu können, und zwar von A wie „Anlageberatung“ bis Z wie „Zeitarbeit“. Irgendwie kann doch alles ziemlich unanständig werden und gehört deshalb verboten, oder?

      • Zumindest ist in wesentlich mehr Bereichen Ausbeutung möglich als nur in der Sexarbeit. In einem Beruf ist der Kunde der Depp (wie das klassische Beispiel der 90-jährigen alten Dame, der in der Bank ein Bausparvertrag angedreht wird), in einem anderen ist es der Angestellte, der für wenig Geld möglichst viel arbeiten muss. Warum werden keine Razzien in Supermärkten oder Friseursalons durchgeführt? Weil dort zwar die Arbeitskraft für wenig Lohn ‚ausgenutzt‘ wird, man aber nicht mit der Sexualmoral argumentieren kann. Sagt ein Kassierer „Ich bin mit meinem Beruf zufrieden, obwohl die Kunden manchmal sehr unfreundlich sind und ich mit mehr Lohn durchaus einverstanden wäre.“, wird das als bescheiden und im Grunde genommen positiv wahrgenommen. Sagt aber ein Sexworker „Ich mag meinen Beruf (kann mir die Kunden im Idealfall sogar aussuchen) und die Bezahlung ist (im Idealfall) auch nicht schlecht“ – ist das ‚unmoralisch‘. Ich stimme Markus zu, dass daran langfristig wohl nur eine veränderte Sichtweise auf Sexualität an sich etwas wird ändern können.

        • Sehr gut dargestellt, Kürass- und so wird es zunächst ein mühsames Unterfangen der SexworkerInnen bleiben, Fakten und Argumente zusammenzutragen, sich um Qualität und Qualifizierung zu kümmern und vernünftigen wie auch sinnlosen Auflagen diverser Behörden zu genügen. Das Perfide an der ganzen Sache ist, dass all diese Bemühungen wahrscheinlich auch nicht zu einem gesicherten Rahmen für die Tätigkeitsausübung führen werden, da es noch viel zu vielen Politikern und Verwaltungsleuten gar nicht lediglich um die Reglementierung der Sexarbeit geht, sondern um deren völlige Abschaffung.

          Es ist verdammt traurig, dass, wenn es um die verderblichsten Einflüsse auf das gesellschaftliche Leben geht, regelmäßig „Sex und Gewalt“ genannt werden: Das, was einer der intensivsten Ausdrücke für Zuneigung und Aufeinander-bezogen-sein ist und m.E. zum Schönsten gehört, was Menschen mit Körper, Geist und Seele anfangen können, wird quasi der reinen Destruktivität gleichgesetzt. Ja, unsere zivilisierte, wohlgeordnete Gesellschaft hat es wirklich weit gebracht.

          (Dass ich einvernehmliches BDSM nicht zur „reinen Destruktivität“, sondern zum „Schönsten usw.“ zähle, erwähne ich hier nur guter Ordnung halber.)

          • Danke, Markus!
            Ich frage mich, ob die Bevölkerung Sexarbeit (irgendwann und eher auf lange Sicht) besser akzeptieren könnte, wenn sie tatsächlich die gleichen Rechte hätte wie andere Berufe. Die Ausgrenzung fängt ja schon dort an, wo jemand „Modelltätigkeiten“ angeben muss, obwohl „Tätigkeiten im Bereich einvernehmlicher Flagellation“ es vielleicht viel treffender beschreiben würde. Ich dachte immer, mittlerweile wäre Prostitution ein anerkanntes Gewerbe und diese Tätigkeiten könnten auch als solche versteuert werden, bis ich in einem Beitrag des NDR von Undine anderes hörte.

            Vielleicht wird Sex neben Gewalt als der „größte verderbliche Einfluss auf die Gesellschaft“ angesehen, weil er eben als das Grundbedürfnis zur Erhaltung der Art eine große Antriebskraft menschlichen Handelns darstellt. Ich will nicht sagen, dass wir alle NUR handeln, WEIL wir Sex oder die Art erhalten wollen. Aber Sex gehört zu den Ressourcen, die das Überleben einer Spezies sichern. Ich würde behaupten, dass nicht der Sex, seine Existenz oder die Ausübung an sich negativen Einfluss haben können, sondern unverantwortlicher Umgang, wie zum Beispiel Zwang oder unzureichende Aufklärung (z.B. über Krankheiten). Im Gegensatz zu Sex ist Gewalt auch kein Grundbedürfnis sondern ein von uns Menschen konstruiertes, bedenkliches, leider häufig wirksames Mittel zur Ressourcensicherung. Es ist kurzsichtig, dem „bösen Sex“ die Schuld in die Schuhe zu schieben. Genauso, wie eine Firma zu verklagen, weil man zu blöd ist, heißen Kaffee zu trinken.

            Mir fällt gerade auf, dass es vielleicht doch den ein oder anderen Unterschied zwischen einer Tätigkeit als Kassierer und der eines Sexarbeiters gibt. Selbst, wenn Sex nicht so ein Tabuthema wäre, wäre es immer noch etwas sehr Intimes, weil man seinen eigenen Körper dem eines anderen (in den meisten Fällen) doch sehr nahe bringt – auf eine andere Weise als beim Haareschneiden oder Schuhe kaufen. Vielleicht ist es deshalb ein so großes Thema, Zwang gerade in dieser Branche zu verhindern. Aber wenn Sexarbeit eben NICHT unfreiwillig geschieht, dann hat es doch eigentlich niemanden zu stören.

            Ich bitte übrigens um Verzeihung, falls ich mich schon wiederholen sollte.

  5. Oh, ich meinte den Beitrag von Frontal 21 im ZDF, nicht den NDR-Beitrag zum Kirchentag.

    • Absolut richtig, wir sollten auf jeden Fall mit unserer gesamten naturgegebenen Ausstattung an Trieben und Möglichkeiten emotionaler Äußerungen sehr sorgsam umgehen, denn nicht nur die Sexualität birgt mitunter Gefahren: Übermäßige religiöse Verzückung etwa ist in diesem Zusammenhang auch nicht ganz ohne…

      Was die Sonderstellung der Sexarbeit in Bezug auf Intimität angeht, ist dies sicher richtig. Allerdings ist sie auch hier nicht ganz allein auf weiter Flur: Seelsorge, Coaching, Beratung und Therapie erfordern auch ein ganz besonderes Vertrauensverhältnis der Beteiligten, wenn auch eher nicht auf körperlicher Ebene. Dass aber auch in diesen Fällen die „aktiven Spielpartner“ sich mit ihrer Persönlichkeit besonders intensiv einbringen müssen (mit allen sich daraus ergebenden Problemen wie etwa dem Konflikt zwischen Empathie und Abgrenzung), rückt die Sexarbeit, vor allem dann, wenn sie verantwortungsbewusst ausgeübt wird, schon ein gutes Stück in die Nähe der genannten Tätigkeiten. Der Freier, „der eigentlich nur reden möchte“, ist ja nicht nur ein oft strapziertes Klischee, und lustvolle körperliche Zuwendung ist etwas, was viele vermissen müssen, obgleich sie es dringend nötig hätten.

      Überhaupt finde ich, dass anstatt der Begriffe „Freier“ oder „Gäste“ oftmals „Klienten“ viel angemessener ist, wenn es um diejenigen geht, die sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Überhaupt sollten im Hinblick auf die Volksgesundheit einmal die positiven psychohygienischen Effekte von Sexarbeit betrachtet werden, und damit meine ich nicht nur „dass die triebhaften Kerle dann keine braven Töchter mehr verderben müssen“.

      Hier fällt mir gerade ein schon älterer Fernsehbericht über eine Sexualbegleiterin ein, die schwerstkranke Patienten im Krankenhaus besucht und ihnen seelische Linderung wie auch eine nachweisliche Verbesserung des körperlichen Zustandes bringt. Natürlich ist dies ein Beispiel für ein „Spezialgebiet“ der Sexarbeit; es zeigt aber das heilsame Potential der Sexualität und ist, wie ich meine, ein Argument dafür, dass es einer Gesellschaft, die das Ausleben von Sexualität in all ihrer Vielfalt wertschätzt, nur besser gehen kann.

      • Interessante Beispiele! An Therapie und Seelsorge hatte ich bisher noch gar nicht gedacht! Auch hier sind Zwang und Missbrauch des Machtgefälles leider möglich. Und auch ohne Extremfälle oder Negativbeispiele ist es durchaus ein Berufszweig, der vom einen sowie vom anderen Ende der Leitung viel persönliche/geistige Nähe erfordert.

        Ich möchte mir ehrlich gesagt gar nicht vorstellen, was passiert, wenn die Legalität der Sexarbeit komplett abgeschafft wird. Das Problem des Menschenhandels wird man dadurch mit Sicherheit nicht los. An dessen rechtlichen Status ändert sich ja nichts. Zwang zur Prostitution, also sexuelle Nötigung, war auch vor einer (noch imaginären) offiziellen Abschaffung der legalen Sexarbeit ein Straftatbestand und wurde offensichtlich trotz gesetzlichem Verbot durchgeführt.

        Nehmen wir mal an, es gäbe jetzt ein flächendeckendes Alkoholverbot. Alkohol hat – genau wie Sexarbeit – eine langjährige Tradition in Deutschland. Meinen die Gesetzgeber denn, mit einem Verbot würde der Konsum sofort aufhören? Nein! Im Falle des Alkohols würde vermutlich ein Schwarzmarkt entstehen oder es würden Getränke aus dem Ausland ins Land ‚geschmuggelt‘. Ich kann mir kaum vorstellen, dass nach einem Verbot sofort jeder einzelne Sexarbeiter freiwillig aufhören wird, seinen Beruf auszuüben, gerade wenn es tatsächlich für manche ein Traumjob ist. Auch die Nachfrage würde doch nicht schlagartig ausbleiben. In einem illegalen Untergrund ist es doch viel einfacher, verdeckt irgendwelche Menschen zu etwas zu zwingen, als wenn diese das mit vollem Recht und mit öffentlicher Anerkennung freiwillig und selbstbestimmt tun könnten. Polizeikontrollen würde es dann immer noch geben – und eine Menge ehemaliger Sexarbeiter, die in einer wirtschaftlichen und vielleicht auch seelischen Krise stecken.
        Mal ein anderer Gedanke: Wäre es nicht unglaublich unökonomisch, wenn Klienten, die hier in Deutschland Sexarbeiter besuchen, in Zukunft diese Kaufkraft in Ländern nutzen würden, in denen sie das noch legal tun dürfen? Ich möchte das ganze Thema nicht auf den finanziellen Aspekt reduzieren. Ich finde nur die Frage interessant, ob das mit Sexarbeit umgesetzte Geld tatsächlich spürbar ins Gewicht fallen könnte.

        • Ich glaube nicht, dass es möglich ist, Menschen an der Befriedigung ihrer elementaren Bedürfnisse zu hindern. Je stärker die Restriktionen, desto mehr Energie fließt in die Umgehung derselben. Die Nachfrager würden sicherlich Ausweichmöglichkeiten suchen (und wahrscheinlich auch finden). Für schwerwiegender halte ich allerdings, dass als Folge einer „Sex-Prohibition“ kriminelle Strukturen (wieder-)entstehen würden. Heimliche Prostitution riefe doch erst recht alle möglichen „Beschützer“ (vulgo: Luden) auf den Plan, die den arbeitenden Frauen einen „geschützten Rahmen“ gegen saftige Beteiligung an den Einnahmen zu Verfügung stellen würden. Eine solche „Arbeitsteilung der Geschlechter“ anzunehmen, ist wohl auch nicht unrealistisch. Das Ganze käme einer Entrechtung der dann illegalen Sexarbeiterinnen gleich, die ja keine legale Möglichkeit mehr hätten, irgendwelche Anliegen durchzusetzen. Das ganze Elend, welches zurzeit von bigotten Moralaposteln in der legalen Sexarbeit gesehen wird, würde durch ein Prostitutionsverbot überhaupt erst geschaffen.

          • Und dann würde alles wieder von vorne beginnen…Hat man nicht damals die Prostitution legalisiert, um gerade solche Probleme zu verhindern?

  6. Man sollte die Angelegenheit wohl mal so betrachten wie sie wirklich ist. Es geht in diesem Business nur um die Befriedigung von primitiven Trieben. Nach dem natürlchen Selbsterhaltungstrieb ist der Sexualtrieb der zweitprimitivste und nichts sonst.Sexworker/innen verfolgen keine ethisch hoch stehenden Ziele wie meinetwegen die Bewahrung des Weltfriedens o. ä. Sie bedienen nur primitivste Triebe. Daher kann ich keinen Grund erkennen, warum man diese Leute per jure besonders schützen sollte. Das fehtlt gerade noch, daß SekworkerInnen es wagen, sich auf eine Stufe mit echten Größen wie z. b. Mahatma Gandhi oder Nelson Mandela oder auch anderen zu stellen. So nicht! Tut mir leid, den Spielverder zu spielen. An den Tatsachen ändert sich dadurch allerdings nichts. SexworkerInnen verdienen keine privilegierte Behandlung.Warum auch?

    • Das betrachten wir uns doch mal näher:

      Sexworker unterstützen also Leute bei der Befriedigung ihres „zweitprimitivsten“ Triebes, gleich nach dem Selbsterhaltungstrieb. Doch, könnte man so formulieren.

      Und was war jetzt noch gleich das Schicke am Weltfrieden? Vielleicht weniger sinnlose Tote oder so? Will heissen: Friedensfuzzies aller Art unterstützen Leute bei der Befriedigung des primitivsten aller Triebe, der Selbsterhaltung?

      Wie cool ist das denn – Gandhi, du alte Hure, willkommen im Club! 🙂

      • Na, da ist mein Kommentar wohl schroffer herübergekommen als er gemeint war.
        Du willst es näher betrachten? Dann bitte schön…in Deiner Antwort ist allerdings nichts davon zu erkennen. Ironie hin, Ironie her. Vielleicht möchtest Du mir auseinandersetzen, was Dich genau in der Sache an meinen Ausführungen stört!?

    • Lieber Mithrandir,

      irgendwie hat doch jede menschliche Lebensäußerung letztlich mit Trieben zu tun. Ist doch nur gut, dass die Menschheit Mechanismen und Konventionen entwickelt hat, einen jeden Trieb sozialverträglich auszuleben und dass es Menschen gibt, die – als Profis oder Amateure – eben die Mechanismen aufrechterhalten. Eigentlich sollten wir uns doch alle darum bemühen, miteinander auszukommen und unsere erst-, zweit- und wasweißichwieprimitivsten Triebe im Sinne unserer gemeinsamen Weiterexistenz als Teil unseres Wesens zu begreifen, zu integrieren und zu pflegen.

      Jemandem wie Dir, der doch die Welt schon so lange kennt und sie gänzlich durchmessen hat, hätte ich etwas mehr Weitblick und Verständnis zugetraut- oder beschränkt sich, o Gandalf, Deine Weisheit einzig auf Mittelerde?

      Grüße vom putzigen kleinen Hobbit
      Markus

  7. Wer spricht denn von privilegierter Behandlung? Es geht lediglich darum, die sowieso schon ungleichen Rechte von SexarbeiterInnen nicht noch weiter zu schmälern. Gleiches Recht für alle, Selbstbestimmung auch in diesem Beruf anerkennen. Wo ist das ein Privileg? Gerade wenn es ein Berufszweig wie jeder andere ist 😉

    Muss man denn unbedingt „ethisch hochstehende Ziele“ verfolgen, um anerkannt zu werden? Den Weltfrieden habe ich mir schon lange abgeschminkt. Trotzdem nehme ich irgendwo in der Gesellschaft einen Platz ein, von dem aus ich versuchen kann, einen halbwegs sinnvollen Beitrag zu leisten. Wenn es mir gelingt, auch nur für ein paar Menschen ein bisschen Gutes zu bewirken, hat das genau so Anerkennung verdient wie gute Taten „echter Größen“. Dabei ist es doch dann vollkommen egal, ob es um Sexarbeit, Versorgung mit Nahrungsmitteln, seelischen Beistand oder sonst etwas geht. Wenn jeder halbwegs darauf achten würde, seine Mitmenschen nicht wie Dreck zu behandeln, wären wir auf dieser Welt schon ein ganzes Stück weiter. Dann müssten wir nämlich auch nicht über Menschenhandel diskutieren.

  8. Es geht für die SexworkerInnen um den gleichen Schutz, den andere Freiberufler oder auch Bäcker, die ebenso „primitive Triebe“ befriedigen, haben! Und welcher Aufschrei würde durchs Land gehen, wenn in den Medien gefordert würde, die Zahnmedizin zu verbieten, weil einige Zahnärzte von schnöder Geldgier bewegt würden.

    Und was die Größen wie Gandhi oder Nelson Mandela betrifft, die galten den größten Teil ihres Lebens als Staatsfeinde und Verräter, in den meisten Staaten und bei Teilen ihrer Anhängerschaft. Ob da „besonderer Schutz“ durch den deutschen Staat etwas gebracht hätte?

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