In eigener Sache

Ihr Lieben,

wie vielleicht einige schon bemerkt haben, bin ich derzeit nicht ganz so häufig im Studio anzutreffen wie gewohnt, und auch telefonisch erwischt man mich eher schlecht. Mein Leben war ja schon immer nicht gerade langweilig, aber in den letzten Wochen hat das Dimensionen angenommen, die jeder Beschreibung spotten. Ich schlafe im Zug, snacke zwischen zwei Interviews und telefoniere im Taxi noch kurz mit der Redaktion des Heute Journals. Ich war mehrfach im Radio und Fernsehen, hatte lange Interviews und ausführliche Artikel in verschiedenen großen Online-Portalen und in den Printausgaben überregionaler Tageszeitungen, und Literaturagenten bieten mir Buchprojekte an. Ich bekomme mehr Anrufe von Journalisten als von meinen Gästen, und auch in bezug auf letztere kann ich nicht klagen. Wenn ich denn mal im Studio bin, bin ich fast immer ausgebucht.

Eigentlich wollte ich immer lieber reich sein als berühmt, aber der Plan ist offenbar gründlich schief gelaufen. 😉

Und das alles, weil wir uns massiv dagegen wehren müssen, vor uns selbst und den bösen Menschenhändlern zwangsgerettet zu werden. Wenn’s nicht so traurig wäre, würde ich allein darüber den ganzen Tag irre kichern. Wenn doch bloss irgendwas von dem, was da draussen diskutiert wird, wirklich irgendwas nützen würde – es ist ja nicht so als gäbe es keine Misstände in dem Gewerbe – aber alles, was ich höre und lese, sind Aufrufe zu sinnloser, diskriminierender Symbolpolitik, die die wirklichen Ursachen, wie zum Beispiel das innereuropäische Wohlstandsgefälle oder die mangelnde Umsetzung des ProstG in den Kommunen, verschleiert und nichts bewirkt, ausser den durch Sensationsmedien und Hetzkampagnen geschürten öffentlichen Druck zu befriedigen.

Keine Kollegin, egal wie schlecht es ihr geht, hat je zu mir gesagt: „Kriminalisiert mich, kriminalisiert meine Kunden, registriert uns, erstellt Bewegungsprofile, und bitte bitte macht doch noch ein paar Razzien mehr, dann geht’s uns bestimmt bald besser.“

Nun habe ich euch eigentlich vom Ausmaß dieses Irrsinns verschonen wollen, denn einige Kolleginnen haben mir davon abgeraten, mein Blog nur noch mit Sexwork-Aktivismus zuzukippen – das sei unsexy und schrecke Gäste ab. Aber zum einen lagen die schon falsch, als sie mir vor über zehn Jahren gesagt haben, man müsse als Switcherin aktiv und passiv unter verschiedenen Namen arbeiten, alles andere führe zu Verwirrung der Männerwelt, zum anderen habe ich leider im Moment nichts anderes im Kopf als meinen kleinen Berufsverband (wie auch), und wenn ich hier gar nichts schreibe, kriege ich auch Schimpfe. Und ausserdem bin ich mit einer Haupt-Zielgruppe von Gästen gesegnet, die denken können – manchmal mehr als ihnen lieb ist – und die umgekehrt wohl zu meinem Glück der Meinung sind, dass schlau dann doch besser fickt. Daher habe ich nun beschlossen: ihr könnt das ab. Sobald der akute Medienhype hoffentlich in ein paar Wochen abgeklungen ist und ich mal durchatmen kann, gibt’s auch wieder neckische Fetisch-Bildchen und Anekdoten aus meinem Studioleben. Sollte ich euch bis dahin allzusehr auf die Nerven gehen, sagt bitte bescheid.

Ein Gutes hat das ganze: Ich freue mich umso mehr auf meine Studiosessions. Nicht nur, weil ich nebenbei auch noch von etwas leben muss, bis auf gelegentliche, bescheidene Aufwandsentschädigungen ist der ganze Pressekram nämlich ehrenamtliches Privatvergnügen. Nein, ich nutze meine Treffen mit euch auch für mich selbst, um aus dem Intellektualisieren ins entspannte Fühlen zu kommen … derzeit ein rarer Luxus.

Bitte seid ein bisschen geduldig mit mir – vereinbart Termine lieber weiter im voraus als kurzfristig, soweit ihr das absehen könnt, und schreibt eher e-mails als mich anzurufen. Dafür dürft ihr jetzt fast schon sowas wie einen Promi vögeln, und das zum gleichen Tarif wie immer! 😉

Beste Grüße,
Undine de Rivière, Pressesprecherin des Berufsverbandes erotische und sexuelle Dienstleistungen. (Gelegentlich auch noch als Hure tätig.)

Linksammlung zum Presseecho des BesD.

6 Comments:

  1. Ich wünsche viel Durchhaltevermögen und bewundere Ihr Engagement!

  2. Wenn man Sexarbeit verbietet, muss man auch H&M T-Shirts (und so einige andere mehr) verbieten, werden diese doch unter menschenunwürdigen Umständen in Bangladesh & Co. hergestellt. Viele dieser Fabrikarbeiter stehen dort auch „unter Zwang“, weil sie für sich keine andere Möglichkeit als diese Arbeit sehen, um ihre Familien zu ernähren. Es brennen Fabriken ab, es gibt Vergiftungen, die medizinische Versorgung der Arbeitskräfte ist mit Sicherheit lang nicht überall durch den Arbeitgeber gesichert. Ich finde, das ist ebenso eine schlimme Art von Ausbeutung. Und warum werden die T-Shirts im Ausland produziert und nicht hier? Weil es dort möglich ist, unter so billigen Bedingungen zu fertigen. Und wenn es hier nicht mehr möglich ist, eine sexuelle Dienstleistung zu bekommen, wird diese eben im Ausland angeboten – ohne die Richtlinien und Rechte und Pflichten, für die Deutschland ‚bekannt‘ ist. Aber es ist so schwierig, sich eine objektive Meinung zu bilden, wenn man immer nur die eine Seite der Debatte hört und die andere ignoriert (wie der Beitrag über Alice Schwarzer auf n-tv.de zeigt). Es ist schwierig, sich für seine Meinung auszusprechen, wenn man befürchten muss, schief angesehen oder mit Gerüchten bombardiert zu werden. Das macht es für Politiker schwer, neutral zu handeln (falls sie es möchten), und für Sympathisanten nicht eben leichter, die Unterstützung öffentlich zu zeigen. Ich kann mir vorstellen, dass viele Gäste sich sofort einen roten Regenschirm schnappen würden, wenn sie nicht fürchten müssten, dass das Umfeld nicht damit umgehen kann.
    Für die ständige Wiederholung bitte ich um Nachsicht 😉

  3. Facettenreiche Undine, ich finde deine Entscheidung wundervoll, deine Leser an Beidem teilhaben zu lassen und ich bin mir sicher, dass du mit deiner Entscheidung richtig liegst. Nachdem das Thema mehr und mehr publik gemacht wird, bin ich (und dafür schäme ich mich) dazu übergegangen, die täglich hereinflatternden Artikel dazu nur noch querzulesen und zu gedanklich zu kategorisieren – ich freue mich auf fundierte lesenswerte Worte, so wie es die Deinen doch immer sind.

    Ich hoffe, dein Durchhalten und Tun wird Früchte für Dich und Euch tragen 🙂

  4. Hallo Undine,

    ich besuche fast täglich Deinen Blog.
    Unabhängig von Neuigkeiten.
    Und wenn eines Tages wieder kleine neue Sauereinen
    zu entdecken sind, dann freue ich mich. Bis dahin
    besuche ich Dich weiterhin mit einer Portion
    Gelassenheit, die ich auch Dir sehr wünsche.
    In der Vergangenheit habe ich recht viel
    dummes Zeugs veranstaltet. Vergib mir, denn ich
    habe gesündigt 🙂

    Viele Grüße
    Jorgo

  5. Hallo Undine,

    keine neuen Bilder und Geschichten und Weihnachten ist auch noch sooo lange hin…

    Keine Sorge, ich halte es tapfer aus und das um so mehr, wenn ich mir vor Augen führe, worum es doch eigentlich geht: Die Existenzgrundlage der SexworkerInnen und einen erklecklichen Teil frei zu lebender Sexualität in unserer Gesellschaft.

    Irgendwie denke ich immer, wir Freier müssten uns auch mal mehr aus dem Fenster hängen- die Kollegen in Frankreich haben es schließlich vorgemacht. Wäre doch eindrucksvoll, wenn sich ein verdammt signifikanter Teil der Bevölkerung als Paysex-Genießer erweisen würde. Ich glaube, die „anständige Mehrheit“ ist nämlich gar nicht so groß…

    Außerdem habe ich auch keine Lust mehr, mir von diversen moralisierenden Gutmenschen beiderlei Geschlechts erklären zu lassen, was ich als Freier so alles sei, wie ich so tickte und warum man mich ganz schnell kriminalisieren müsse. Moment mal: Vielleicht macht mich das ja als Mann interessanter; Frauen stehen doch auf Bad Guys, oder?

    Nur hilft diese meine verbale Kraftmeierei leider gar nichts, weil ich mein sorgsam gepflegtes Doppelleben als korrekter Freier und ebenso korrekter Ehemann nicht aufgeben kann bzw. will (hab‘ ich auch schon mal in einem älteren Posting bejammert).

    Also bin ich mal lieber hübsch ruhig, überlasse Dir, Undine, und Deinen MitstreiterInnen den Kampf, bringe Euch meine (absolut ernst gemeinte) Anerkennung dafür zum Ausdruck, sichere mir langfristig Sessiontermine und warte geduldig ab, bis meine GnG (Gier nach Geilem) mal wieder in diesem Blog befriedigt wird.

    Unmoralische Grüße aus dem Sumpfe der Gesellschaft von
    Markus

    PS: Vielleicht fällt ja noch jemandem etwas ein, wie auch wir anonymen Freier uns für die gute Sache nützlich machen können (ein anonymisiertes Interview würde ich mir z.B. auch zutrauen). Wenn’s da kreative Einfälle gibt, könnte es doch mal hier geäußert werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.